Foto: Ruth Schmoldt
Seit etwa einem halben Jahr bist du Klassenlehrer der neuen 1. Klasse. Wie geht es dir?
Es geht mir gut! Die Arbeit macht mir viel Freude.
Wie bist du vor 3 Jahren auf die Idee gekommen, an diesem Punkt in deinem Leben noch einmal einen solchen beruflichen Kurswechsel vorzunehmen?
Für mich hat es sich sehr organisch angefühlt. Ich habe schon früh gemerkt, dass ich unheimlich gerne mit Sprache umgehe und irgendwann habe die Entwicklung von Sprache in Verbindung mit Kindern
gesucht. Wir haben in der Agentur (siehe Infobox, Anm. d. Red.) beispielsweise ein Erste-Hilfe-Buch für Kinder entworfen und eine Reihe von Mal- und Bastelbüchern. Als klar wurde, dass der Weg
Lehrer zu werden für mich tatsächlich möglich ist, gingen sämtliche Türen wie von selber auf. Wenn der Ruf nach Veränderung in einem so laut wird, dann kann man entweder erstarren (Anmerkung: aus
Angst vor der Veränderung) oder man bleibt im Fluss. Und ich habe gemerkt, dass Letzteres gesünder ist, nämlich aus dem Gewohnten in ein neues, gutes, kaltes Wasser zu springen. Außerdem ist mir
über die Jahre aufgefallen, dass die Lehrer*innen immer so von innen gestrahlt haben. Ich glaube, das hat mich auch angezogen.
Was haben deine Freunde und die Verwandten dazu gesagt?
Ich wollte das Pflänzchen erstmal gedeihen lassen und behutsam damit umgehen. Daher gab es nur ganz wenige Menschen, die über meine Überlegungen Bescheid wussten, weil ich mir die Bedenkenträger
vom Hals halten wollte. Erst als mich mir ganz sicher und schon in der Umsetzung war, bin ich damit auch nach außen gegangen. Aber dann waren die Reaktionen eigentlich auch sehr positiv.
Und wie hat deine eigene Familie reagiert? Immerhin besuchen zwei deiner vier Kinder derzeit die Schule, an der du jetzt als Lehrer arbeitest…
Ich habe vorher natürlich mit meinen Kindern darüber gesprochen, ich dachte, dass es ihnen vielleicht peinlich sein könnte, dass der eigene Vater jetzt als Lehrer in „ihrer“ Schule auftritt. Aber
nichts davon war der Fall, sie haben sehr gut reagiert, alle haben diesen Schritt unterstützt: „Ja, mach das, das passt doch super zu dir, Papa.“, haben sie gesagt. Das war natürlich schön.
Was bringst du aus deinem bisherigen Leben mit, das dir jetzt in diesem Beruf zu Gute kommt?
Ich habe ja nun sehr lange selbständig gearbeitet, das war mir auch immer wichtig. Die Tätigkeit als Klassenlehrer ist dem gar nicht so unähnlich, vor allem in Verbindung mit dem kreativen
Aspekt, der bei allem mitschwingt. Nicht umsonst spricht Steiner ja auch von der „Erziehungskunst“. Man könnte sagen, alle meine Talente und Neigungen werden hier in einem fruchtbaren Ganzen
abgerufen.
Wie verkraftest du die finanziellen Einbußen im Vergleich zu deinem bisherigen Gehalt in der Agentur?
Ich persönlich bin nach vielen Jahren der Selbständigkeit auch extrem dankbar für das Gehalt und das Gesamtpaket, das ich hier bekomme. Zumal es auch viele zusätzliche Vergütungen gibt wie eine
betriebliche Altersvorsorge, eine betriebliche Zusatzkrankenversicherung, ein 13. Monatsgehalt u.a. Das summiert sich und am Ende ist es dann doch eine ganz ordentliche Vergütung.
Man sagt ja, dass der Beruf als Lehrer immer mehr Energie fordert und ca. 12 Arbeitsjahre bis zur Rente sind ja noch eine lange Zeit. Macht dir das manchmal Gedanken?
Nun, man gibt natürlich viel in so einer Klasse, aber man wird umgekehrt auch genährt. Ich empfinde die Tätigkeit als Lehrers zudem als einen „edlen“ Beruf, der sich auch deswegen mit dem Alter
gut verbinden lässt. Die Reife kann sogar ein ganz wesentlicher Anteil am Gelingen sein in diesem Bereich.
Wie hast du die Zeit der Aus- und Fortbildung zum Waldorflehrer erlebt?
Also die eineinhalb Jahre der Doppelbelastung während der Vollzeitausbildung war natürlich nicht ganz ohne: das Büro, die Familie, das Studium, die Pendelei zur Hochschule nach Stuttgart und
zurück, zum Abschluss die Masterarbeit und dann der Berufseinstieg als Klassenlehrer gleich im Anschluss. Aber das liegt ja jetzt hinter mir.
Was bereitet dir die meiste Freude an deinem neuen Beruf?
Die Tätigkeit als Waldorflehrer lässt einem - im Rahmen des Lehrplans und der pädagogischen Ausrichtung - viele Gestaltungsfreiheiten. Und das liegt mir. Außerdem ist die Waldorfpädagogik meiner
Ansicht nach das modernste Bildungskonzept, das es heute auf der Welt gibt, weil der ganze Mensch miteinbezogen wird. Das bietet kein anderer Bildungsweg im schulischen Umfeld. Ein Beispiel: Wenn
durch die äußeren Einflüsse durch neue Medien z.B. bestimmt Veränderungen in der Entwicklung der Kinder stattfinden, dann stimmen die äußeren Einflüsse einfach nicht mehr, so dass die gesunde
Entwicklung beeinträchtigt ist. Deshalb ist es ganz wichtig, dass Halt gegeben wird, z.B. durch einen gesunden Rhythmus, so dass man wieder zu einer seelischen Entwicklung zurückfindet und sich
auch wieder verbunden fühlt mit dem, was man eigentlich ist. Dieser ganzheitliche Blick ist ein wesentlicher Aspekt der Waldorfpädagogik. Auch das empfinde ich als starke Motivation.
Was erlebst du als Herausforderung?
Es ist so, dass man merkt, da wirken unheimlich viele Kräfte von den Kindern auf einen und das eigene System muss das dann alles durchlaufen. Aber wenn man in den Fluss des Gebens und Nehmens
einsteigt, dann ist der Kräftehaushalt ausgeglichen. Auch das Miteinander des Kollegiums in einer selbstverwalteten Schule fordert einem einiges an Kräften ab, jedoch gibt man mir hier die Zeit,
da reinzuwachsen. Jetzt steht für eine Weile erstmal die Rolle des Klassenlehrers an erster Stelle.
Wieso gerät die Waldorfpädagogik aus deiner Sicht immer wieder so stark ins Kreuzfeuer?
Ich denke, vielleicht aufgrund von Angst aus Unkenntnis? Es gibt immer wieder den Impuls alles zum Schweigen zu bringen, was dem Mainstream oder der Norm nicht entspricht, da es viele Menschen gibt, die bestimmte Wünsche an eine normierte Gesellschaft haben. Der Mensch ist aber kein normiertes, sondern ein lebendiges Wesen. Deswegen gibt es da eine Diskrepanz.
Text: Alexa Pirich
Info
55 Jahre alt
seit 22 Jahren verheiratet
Vater von 4 Kindern (21, 18, 12, 5)
Studium Visuelle Kommunikation (Dipl. Des. FH), an der Hochschule für Gestaltung in
Schwäbisch Gmünd
lebt seit 17 Jahren am Ammersee
war 24 Jahre lang Geschäftsführer der Werbeagentur KlareLinie, Agentur für Gestaltung
2022/23 Postgraduales Masterstudium zum Waldorfpädagogen/
Klassenlehrer (MA)
seit September 2023 Klasselehrer der neuen 1. Klasse an der FWSL
